Junges Ehrenamt – die Kinderhospizarbeit macht auf sich aufmerksam

 „Hey Katrin, deine Arbeit und die der Ehrenamtlichen sind echt gut,  aber gibt´s vielleicht jemanden, mit dem ich zocken oder ein Bier trinken gehen kann?“ (Aussage eines lebensverkürzend erkrankten jungen Mannes mit 17 Jahren).
Diese und weitere vergleichbare Aussagen führten dazu, dass ich mich, Katrin Wassermann (30 Jahre), Leiterin des Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst Allgäu, intensiv im Jahr 2015 mit dem Thema „junges Ehrenamt“ auseinandergesetzt habe: Zum einen ganz allgemein zu Fragen, wie geht es anderen Diensten, was sagen Dachverbände und größere Organisationen, zum anderen im eigenen Bereich mit den organisationsinternen Besonderheiten und Strukturen.
Einen guten Anhaltspunkt fand ich in den 33 Leitlinien aus der Fachliteratur „Kinderhospizarbeit“ von Sven Jennessen: „Gute Kinderhospizarbeit ermöglicht progredient erkrankten Jugendlichen eine entwicklungsadäquate Ablösung in der Phase der Adoleszenz“ (Jennessen u.a. 2011, S. 261). Der Leitsatz wurde im Rahmen einer Studie von Sven Jennessen, Astrid Bungenstock und Eileen Schwarzenberg formuliert. Vergleicht man die Leitlinie mit der oben genannten Aussage des jungen Mannes und der Altersstruktur der eigenen Ehrenamtlichen ergab sich für mich keine zufriedenstellende Lösung. Ende 2014 waren nur sieben Prozent der Ehrenamtlichen im Dienst zwischen 30 und 40 Jahre alt, unter 30 Jahre gab es aktuell keine Ehrenamtlichen.
Eine Struktur, die nicht nur der Ambulante Kinder- und Jugendhospizdienst Allgäu kennt. In der schon erwähnten Studie zur Kinderhospizarbeit zeigen sich ähnliche Altersgefüge, denn auch hier ist der Großteil der Ehrenamtlichen zwischen 41 und 60 Jahren alt (vgl. Jennessen u.a. 2011, S. 238 f.).
Klar ist, dass erkrankte Jugendliche Bedürfnisse und Wünsche an eine ehrenamtliche Begleitung haben, die mit ihren altersspezifischen Interessen im Einklang sind. Denn ambulante Kinder- und Jugendhospizarbeit bedeutet auch immer „Lebensbegleitung“. Die Hauptaufgabe Ehrenamtlicher ist nicht das Beistehen in Krisensituationen, sondern die „Begleitung im Leben“ (Jennessen u.a. 2011, S. 221). Aus dieser Lebensbegleitung heraus sind Wünsche lebensverkürzend erkrankter Jugendlicher nach Kontakt zu Gleichaltrigen, Wahrnehmung altersspezifischer Interessen und eine Ablösung von den Eltern nachvollziehbar.
Hier setzen die Überlegungen rund um das „Junge Ehrenamt“ an. Die Jugendlichen brauchen junge Ehrenamtliche. Ich erkannte, dass wir zusätzlich junge Menschen motivieren müssen, die sich gerne ehrenamtlich engagieren und den erkrankten Jugendlichen Zeit schenken möchten. Aus diesen Erkenntnissen heraus hat der Ambulante Kinder- und Jugendhospizdienst Allgäu beschlossen, ein „Junges Ehrenamt“ zu schaffen. Konkret bedeutet dies, das Angebot der ehrenamtlichen Kinderhospizbegleitung mit jungen Ehrenamtlichen zwischen 18 und 30 Jahren zu erweitern. Sie werden erkrankte Jugendliche oder aber auch jugendliche Geschwister in der Wahrnehmung ihrer altersspezifischen Interessen und der Freizeitgestaltung unterstützen.   Intern wurde viel über Rahmenbedingungen diskutiert. Es wurde bei Dachverbänden nachgefragt, wie das Ehrenamt in der Kinderhospizarbeit für junge Menschen attraktiv gestaltet und allen Familienmitgliedern eine an den jeweiligen Bedürfnissen orientierte Begleitung ermöglicht werden kann.
Eine bundesweite Qualifizierung junger Menschen im „Jungen Ehrenamt“ ist entscheidend, um sie in die Dienste zu bekommen.  Keinesfalls soll ehrenamtliches Engagement nach Alter und Lebenserfahrung gewertet werden. Bei uns erfahren und durchlaufen aktuell die jungen Menschen die gleiche Schulung wie alle Ehrenamtlichen. Das Schulungskonzept richtet sich nach der Handreichung zur Befähigung ehrenamtlich Mitarbeitender in ambulanten Kinderhospizdiensten. Zurzeit sind die „Jungen“ im Tandem mit einer weiteren ehrenamtlichen Kraft im Einsatz.
Natürlich stellen sich die Fragen: Was ist dann genau die Aufgabe des „jungen“, was des „älteren“ Ehrenamtlichen? Und ab wann ist man dann ein „älterer“ Ehrenamtlicher?  Die Schulungsreihe muss so umgestaltet werden, dass junge Ehrenamtliche eine gute Basis finden, die den Gewinn aus einer gemeinsamen Schulung für beide Seiten möglichst maximiert. Nicht zuletzt steckt auch hier ein Gedanke der Qualitätssicherung für die Ausbildung in der ambulanten Kinderhospizarbeit.
Organisationsintern wurde diskutiert, wie und unter welchen Umständen eine Finanzierung der Schulung für junge Menschen getragen werden kann. Die Schulungsinhalte sowie auch die Zeiten wurden nochmals überprüft. Fehlzeiten können im Rahmen einzelner Abende nachgeholt werden, um so eine Teilnahme neben Ausbildung, Studium oder Beruf zu ermöglichen. Es wurden alle Voraussetzungen für eine optimale Ausbildung und den Einsatz geschaffen.
Nun musste ich nur noch die jungen zukünftigen Ehrenamtlichen finden. Wichtig war mir die Kontaktpflege zu Fachhochschulen, Berufsschulen und Fachakademien verbunden mit Vorträgen über die Kinderhospizarbeit. Es wurde zum festen Bestandteil in meinem Arbeitsalltag. Eine umfassende Öffentlichkeitsarbeit und ständiger Kontakt zu jungen Menschen auch über soziale Medienfelder sind unumgänglich und nehmen viel Zeit in Anspruch. Die angesprochenen jungen Menschen reagierten im direkten Kontakt mit der ambulanten Kinderhospizarbeit wesentlich offener als zunächst erwartet. Mit viel Interesse, neuen und kreativen Ideen und Respekt wenden sich nun die jungen Menschen unserem Ehrenamt zu und werden von allen Seiten als Gewinn mit einer Erweiterung der Perspektiven betrachtet. Genauso offen, wie uns die jungen Menschen gegenüber stehen, möchten wir dies auch als Institution.
Wir möchten engagierten jungen Menschen auf Augenhöhe begegnen, möchten für sie einen Nutzen im Ehrenamt schaffen und sie in die Arbeit einbinden.
 Konkret bedeutet dies, dass wir unsere Einsatzmöglichkeiten für die jungen Menschen in Kooperation mit dem stationären Kinderhospiz ausbauen und sie konkret in Projekte einbinden. Praktika, auch für spätere Berufe, werden bei uns ermöglicht. Gleichzeitig muss man sich bewusst sein, dass ein Ehrenamt über eine gewisse Dauer für junge Menschen oft nicht möglich ist. Berufliche Wechsel, Abschlüsse und wandelnde Lebenssituationen der jungen Menschen verändern dies.
Wir sehen daher auch ein übergeordnetes Ziel: Das Ziel, junge Menschen für die Arbeit in der ambulanten Kinderhospizarbeit zu begeistern und auszubilden, egal an welchen Orten. Nach zwei Jahren Zusammenarbeit mit den jungen Ehrenamtlichen ist deutlich geworden, dass dringend größere Zeitfenster für die Öffentlichkeitsarbeit gebraucht werden, um auf die ambulante Kinderhospizarbeit und das Ehrenamt in allen Altersstufen aufmerksam zu machen. Auch der Ausbau und die konkrete Umsetzung der Einsatzmöglichkeiten sowohl ambulant und als auch stationär können noch optimiert werden. Der Faktor Zeit spielt hier sicherlich eine wichtige Rolle: Zeit für die Gewinnung der jungen Menschen und Zeit, um organisationsintern und ebenfalls übergreifend die jungen Menschen mitzunehmen und in der Kinderhospizbewegung fest zu integrieren.  

   
Ambulanter Kinder- und Jugendhospizdienst Allgäu
Katrin Wassermann Sedanstraße 5
87700 Memmingen
08331/49068017
wassermann@kinderhospiz-nikolaus.de    

Literatur: Jennessen S., Bungenstock A.,  Schwarzenberg E. (2011): Kinderhospizarbeit. Konzepte, Erkenntnisse, Perspektiven. Stuttgart: W. Kohlhammer   Schulte C., Köster R., Tessmer G. (2006): Handreichung zur Befähigung ehrenamtlicher Mitarbeitender an ambulanten Kinderhospizdiensten. Münster: Graphische Dienstleistungen